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Das Straßburger Münster - zu jeder Jahreszeit ein Besuch wert -
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Mystischer, grüner Lichtstrahl im Straßburger Münster

Straßburg. Pünktlich zur Tagundnachtgleiche (Frühlings- und Herbstanfang) ist ein beeindruckendes Phänomen im Straßburger Münster zu sehen.

Dann taucht ein rätselhafter, grüner Lichtstrahl den Kruzifix an der 1485 gebauten Kanzel des Münsters wieder in gleißendes, smaragdgrünes Licht. Der Lichtstrahl ist zweimal im Jahr, zum Frühlings- und Herbstanfang, etwa ein Monat lang zu sehen. Dabei wandert er sechs Tage lang vertikal am Christuskreuz entlang, um am sechsten Tag, einen Tag nach der Tagundnachtgleiche, den Baldachin über dem Kopf des Gekreuzigten zu bestrahlen.

Die rätselhafte Erscheinung, die Maurice Rosart 1972 entdeckt und 1984 erstmals der Öffentlichkeit bekannt gemacht hat, zeugt nach Ansicht seines Entdeckers vom genialen Geist der mittelalterlichen Münsterbauer. Das Sonnenlicht fällt durch ein helles Mosaikteil des zweiten Fensters vom gegenüberliegenden südlichen Triforium.

Das transparente Glasstück, das aus einem anderen Material besteht als die anderen Mosaikstücke des Kirchenfensters im vierten Torbogen, stellt den linken Fuß des Juda dar. Der vierte Sohn des alttestamentarischen Jakob schaut nach oben zu einer Rosette, die man mit der Sonne vergleichen kann. Mit dem rechten Arm zeigt er auf seinen transparenten Fuß. Seine Körperhaltung scheint auszudrücken, dass „die Sonne durch seinen Fuß“ scheint. In seinem Buch „Une Cathédrale se dévoile“ beschreibt Maurice Rosart zwei Deutungen des Phänomens. So könnte der Lichtstrahl zur Zeitmessung benutzt worden sein. Denn früher habe man den genauen Zeitpunkt des Frühjahrsanfangs gebraucht, um das Osterfest festzulegen. Dieses feiert man immer am ersten Sonntag, der der ersten Vollmondnacht nach der Tagundnachtgleiche folgt.

Der Münsterkenner hält es für wahrscheinlich, dass man die astronomische Uhr des Münsters, die entgegen den Aussagen der Fremdenführer regelmäßig neu eingestellt werden muss, früher nach diesem Sonnenstrahl eingestellt hat. Diese Theorie stütze auch ein 1894 am Südportal angebrachter Sonnenkalender, der die exakte Uhrzeit und das Datum anzeigt und der, wie Maurice Rosart in seinem Buch schreibt, noch 1906 benutzt wurde.

Zur Wintersonnwende hält das Straßburger Münster übrigens noch eine weitere Überraschung bereit: Kurz vor Weihnachten erhellt alljährlich ein weißer Lichtstrahl am kürzesten Tag des Jahres das gothische Münster.

Verfasser: Sibylle Klem

©Stefan Woltersdorff: Literatur-Reisen nach Straßburg


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