Einst Zankapfel, heute am liebsten „Capitale de l´Europe“
Auf den Spuren deutscher und französischer Kultur in der Elsass-Metropole Straßburg
Der „Garçon“ im schwarzen Jäckchen stellt einen ebenso schwarzen Espresso auf meinen Bistrotisch. Lieber hätte ich einen normalen Kaffee gehabt. In deutscher Sprache, aber mit elsässischem Einschlag, klärt er mich auf: „In Frankreich ist das ein normaler Kaffee“.
So geschehen in Straßburg, der siebtgrößten französischen Stadt, gelegen gegenüber dem badischen Kehl am Rhein. Neben dem Café mit dem Namen „Italia“, im Stadtzentrum, ist der Straßenname in die Sandsteinwand des Eckhaues eingemeißelt: „Goldschmiedgass“. Darüber prangt ein Metallschild mit der französischen Übersetzung: „Rue des Orvèvres“. Eines der vielen Indizien für die deutsch-französische Vergangenheit der 2000 Jahre alten Elsass-Metropole. Zwischen 1870 und 1945 wurde der Zankapfel Straßburg viermal zwischen seinen Erbfeinden hin- undhergerissen: 1870 marschierten die Preußen ein, 1918 kamen die Franzosen, im Juni 1940 der Einfall von Hitlers Truppen, die im November 1944 schließlich ihre Beute freigeben mußten.
Der Blick tastet sich nach oben. 142 Meter hinauf an der schönsten „Dame“ Straßburgs, dem Münster. Das Straßburger Münster, von den Einheimischen in Anlehnung an seeinen offiziellen Namen „Kathedrale unserer Lieben Frau“ oft liebevoll „notre dame“ – „unsere Dame“ genannt, überragt würdevoll das Treiben auf dem gepflasterten Münsterplatz. Der mächstige Koloß, der seinen einzigen Trum wie einen von weitem sichtbaren Zeigefinger zum Himmel streckt, war bis ins 19. Jahrhundert hinein das höchste christliche Bauwerk Europas. Vor dem Hauptportal malen unter der berühmten in Glas gefaßten Rosette Straßenkünstler Porträts von Touristen. Pantomimen zeigen hier ihre Shows, Schwarzafrikaner versuchen, ihren falschen Elfenbeinschmcuk den italienischen, amerikanischen und deutschen Besuchern aufzuschwatzen.
Vornehm zurückhaltend steht daneben eines der schönsten Gebäude der Stadt: das „Maison Kammerzell“. Heute ein Restaurant, wurde es 1571 von einem reichen Straßburger Käsehändler erbaut. Weltliche und kirchliche Skulpturen zieren den für mittelalterliche Stadthäuser typischen Überhang aus schwarzbraunem Holz, woraus die runden Butzenscheiben abends golden leuchten.
Ob Europabrücke, Europamesse, Europäisches Bierfest oder Europäisches Literaturfestival, einfach alles wird hier mit dem magischen Wort und den gelben Sternen verbunden. Straßburg ist als selbsternannte „Capitale de l´Europe“, als Europa-Hauptstadt, Sitz des Europarates und des Europaparlamentes. Im quadratisch-klotzigen „Europapalast“ sind das Sekretariat, die Parlementarische Versammlung und der Ministerrat des Europas der 46 untergebracht. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ist Teil dieser Institution. Auf der anderen Seite des Flüßchen Ill, das die gesamte Stadt umringt, steht das neue, schwarze Gebäude des Europaparlamentes, Teil der Europäischen Union mit ihren 25 Mitgliedsstaaten. Einmal im Monat kommen in Straßburg für eine Woche die Abgeordneten des Europaparlamentes mit Aktenbergen und Assistenten zu ihren parlamentarischen Versammlungen zusammen.
Aufgrund des Sitzes internationaler Institutionen vergleicht sich das Verwaltungszentrum des Departements Bas-Rhin und der Region Elsass gerne mit New York, Brüssel und Genf. Immerhin gibt es in der Stadt 79 Konsulate und ständige Vertretungen anderer Staaten. Und Verfechter Straßburgs als Sitz des Europaparlaments betonen immer wieder, dass die Stadt am „Kreuzweg Eruopas“ gelegen sei. Schon die Römer nannten sie schließlich „Strataburgum“ – die Stadt, wo sich die Wege kreuzen“.
Straßburg ist europäisch, kein Zweifel. Aber nicht nur wegen seiner politischen Institutionen. Es sind vielmehr die Menschen, die dafür sorgen, dass die Provinzstadt ziemlich kosmopolitisch ist. Im Schmelztiegel der 451 000 Einwohner (Tendenz steigend) zählenden Stadtgemeinschaft leben Tausende von Marokkanern, Algeriern, Türken und Tunesiern. Islamische Frauen mit Kopftuch sind auf den Wochenmärkten zu finden, wo sie zwischen elsässischen Bauern arabische Süßigkeiten, Kräuter und Vogelkäfige verkaufen. Die Maghrebiner unterhalten auch Krämerläden, die sonntags und spätabends geöffnet sind. Unter den europäischen Ausländern sind neben den Deutschen die Portugiesen und Spanier am zahlreichsten. Und mehr als 15 000 Juden leben hier – eine der größten jüdischen Gemeinden Frankreichs. So prägen samstags zum Beispiel schwarzgekleidete Gläubige mit langen Zöpfen das Straßenbild um den Contaden-Park oder bei der Friedens-Synagoge.
Straßburg ist aber vor allem elsässisch, vereinigt auf wundersame Weise Elemente deutscher und französischer Kultur. Das zeigt sich vor allem in der Küche. Eisbein mit Sauerkraut, Zwiebelkuchen, Flammenkuchen, „Bäckeoffe“ und Cervela-Salat: diesen Mischmasch aus badischer und französischer Kochkunst bieten die gemütlichen Weinstuben ihren Gästen. Dabei werden die deutschen Gerichte in manchem Restaurant französisch verfeinert: Sauerkraut wird mit Lachs kombiniert, die Matelotte – ein Fischgericht – mit Nudeln. An Weihnachten kaufen die Kunden in den Spezialitätenläden der Goldschmiedgass die Gänseleberpastete kiloweise.
Zwei Kulturen auch, wo es um die Architektur geht. Am Place Broglie, dieser französisch gezirkelten, Promenierpassage, komponierte im Gebäude der heutigen Banque de France 1792 Offiziert Rouget de Lisle ein Kriegslied für die Rheinarmee. Es wurde später bekannt als die Marseillaise, die französische Nationalhymne. Gleich daneben windet sich der Kreisverkehr am einst machtpolitischen Zentrum des wilhelminischen Straßburg vorbei: an den Prunkbauten am ehemaligen Kaiserplatz, dem heutigen Place de la République.
Auch im mittelalterlichen Viertel „La petite France“ – „Klein-Frankreich“ – tragen die Häuser deutsche Aufschriften, sind die Straßennamen zweisprachig. Den Namen führt dieser idyllische Stadtteil wegen seiner unrühmlichen Vergangenheit: Die Deutschen hatten die Syphilis nämlich als „Franzosenkrankheit“ bezeichnet, und somit ist klar, was sich im Mittelalter hier abspielte. Es ist kaum vorstellbar, dass hinter dem uralten, kunstvollen Fachwerk früher Tierhäute gegerbt wurden und zwischen den „Gedeckten Brücken“, einer überdachten Brückenbaukonstruktion aus dem 19. Jahrhundert, dem alten Gefängnis und der St.-Thomas-Kirche die Dirnen ihrem Gewerbe nachgingen. Heute beherbergen die Gerberhäuser Restaurants. Auf dem Flüßchen Ill gleiten Besichtigungsboote vorbei und bringen ihre Gäste durch viele kleine Schleusen um die ganze Altadtadt herum. Hat sich das Wasser des Flusses wieder beruhigt, so spiegeln sich darin mit wundersamer Perfektion die Fassaden der Bürgerhäuser, von deren Hintereingängen manche Treppe direkt hinab in den Fluß führt. Dort liegen abfahrbereit flache Kähne: ein Hauch Venedig. Am Ende eines Ufer-Spazierganges gelangt man zum Universitätspalast in der sogenannten „Deutschen Stadt“. Vor dem wilhelminischen Prunkgebäude steht dort en Denkmal Goethes, des berühmtesten Studenten der Stadt. Die 52 000 Studierenden an den Straßburger Universitäten machen sich im Stadtbild bemerkbar: Sie treffen sich in den schmalen Gassen hinter dem Münster, zwischen dem Place Ste Etienne und dem versteckten Rechteck des Place du Marché Gayot. In diesem Nachtviertel gibt es zahlreiche kleine Cafés, Nachtclubs und Diskotheken.
Tipps für den Straßburg-Besuch:
Centre d´Information Jeunesse
Günstige Übernachtungen :
Auberge de Jeunesse René Cassin, 9, rue de l´Auberge de Jeunesse, Montagne-Verte, 67000 Strasbourg, Telefon 03 88 60 10 20 .
Europäische Institutionen:
Der Europarat wurde 1949 gegründet und ist damit die älteste zwischenstaatliche politische Organisation Europas. Der Staatenbund umfasst 46 Länder, davon 21 mittel- und osteuropäische Staaten. Fünf Staaten haben den Beobachterstatus erhalten (Heiliger Stuhl, Vereinigte Staaten, Kanada, Japan und Mexiko). Er unterscheidet sich von der Europäischen Union der „25“; kein Land ist bisher der Union beigetreten, ohne zuvor Mitglied des Europarates zu sein. Die 46-Staaten-Organisation hat ihren Sitz in Straßburg (Frankreich).
Besichtigung oder Teilnahme als Besucher einer parlamentarischen Versammlung nur auf Voranmeldung und mit Reservierung. Conseil de l´Europe, Service des visites, Avenue de l´Europe, F-67075 Strasbourg Cedex, Telefon 00 33 3 88 41 20 29, Fax : 03 88 41 27 54, www.coe.int, visites@coe.int |
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 Fotograf: G. Engel © CUS 2005
Informationen: Parlement Européen, Allée du Printemps, Telefon 00 33 3 88 17 40 01, www.europarl.eu.int, Email epstrasbourg@europarl.eu.int |
Das Europäische Parlament ist eine Institution der Europäischen Union (Europa der 25 Mitgliedsstaaten). Es tagt in Straßburg und in Brüssel. Das Europäische Parlament ist das größte multinationale Parlament der Welt: Seine 732 Abgeordneten aus 25 Nationen vertreten derzeit 457 Millionen Bürgerinnen und Bürger. Die Parlamentarier sind von den Bürgerinnen und Bürgern der Mitgliedsstaaten direkt gewählt in allgemeinen, freien und geheimen Wahlen, für eine Amtszeit von 5 Jahren. Die letzte Europawahl hat im Juni 2004 stattgefunden. Die nächste Wahl wird im Jahre 2009 sein.
Das Europäische Parlament kann nur auf Voranmeldung besichtigt werden.
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Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ist eine Institution des Europarats. Informationsprogramme werden organisiert für Gruppen, deren Tätigkeit mit der Arbeit des Gerichtshofes in Verbindung steht. Für andere Gruppen besteht die Möglichkeit, einer Verhandlung des Gerichtshofes beizuwohnen. Information: Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Quai Ernest Bevin, 67000 Strasbourg, Telefon 00 33 3 88 41 34 95 oder 00 33 3 88 41 24 32, Fax 00 33 3 88 41 37 59.
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